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24. Juli 2020

Soll mein Kind mit ADHS/ADS nun Medikamente bekommen oder nicht?

So, heute ist es so weit: Wir widmen uns endlich der Frage, in welchen Fällen Medikamente bei Kindern mit ADHS zum Einsatz kommen sollen und wann lieber nicht.

Mit welchen Fragen haben wir uns bisher zum Thema „Medikamente für Kinder mit ADHS“ beschäftigt?

  • Blog vom 3.7. 2020: Warum sind so viele Eltern verunsichert, wenn es um Medikamente für ihr Kind mit ADHS geht?
  • Blog vom 10.7.2020: Wirkweise von und Voraussetzungen für Medikamente für Kinder mit ADHS
  • Blog vom 17.7.2020: Medikamente für Kinder mit ADHS – Einflussfaktor „das Kind und sein Umfeld“

Aber bevor wir nun loslegen und versuchen, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob Kindern mit ADHS Medikamente verabreicht werden sollten oder nicht, …

… ein mahnendes Wort an die Grabenkämpfer in der Medikamenten-Diskussion

In der Debatte um ADHS bei Kindern führt, wie schon erwähnt, kein Thema zu so vielen und vor allem so verbissenen Auseinandersetzungen wie das der Medikamente. Auf der einen Seite stehen die, die Zeter und Mordio schreien, weil „verantwortungslose Eltern“ ihre Kinder angeblich „mit Drogen“ ruhigstellen bzw. gefügig und angepasst machen wollen. Auf der anderen Seite gehen die Medikamentenbefürworter auf die Barrikaden: Sie werfen den Medikamentengegnern vor, sie würden – angetrieben vom falschen Ehrgeiz, es ohne Medikamente schaffen zu wollen – ihren Kindern eine ganz große Chance für eine seelisch gesunde Entwicklung vorenthalten.

Das Traurige an der Diskussion ist, dass durch diese Verbissenheit ein regelrechter Grabenkampf entstanden ist, durch den wertvolle Chancen für Kinder mit ADHS verloren gehen. Gerade die Hardliner der jeweiligen Lager (und das sind bedauernswerterweise sehr viele) sind blind für die Möglichkeiten, die der jeweils andere Weg bietet.

So erkennen eingeschworene Medikamentengegner oft erst zu spät oder gar nicht, dass manche Kinder nur durch das passende Medikament für Therapien zugänglich werden. Oft können sie dann erst ihr sozial nachteiliges Verhalten ändern, gewinnen wieder mehr an Selbstwert etc. Andererseits sind Medikamentenbefürworter nicht selten anderen unterstützenden Maßnahmen gegenüber wenig bis gar nicht offen. Dadurch gehen ebenfalls wertvolle Chancen für Behandlungsmöglichkeiten verloren und es verstreicht viel Zeit, die mit der Kombination mehrerer Therapien, einem sogenannten multimodalen Ansatz, optimal hätte genutzt werden können.

Dabei ist die möglichst frühe und umfassende Behandlung von ADHS extrem wichtig, um sogenannte Sekundärsymptome bzw. Komorbiditäten zu vermeiden. Daher sehen wir uns jetzt gleich mal an, …

… in welchen Fällen sich Eltern von Kindern mit ADHS unbedingt für den Versuch einer Medikamentengabe entscheiden sollten

Noch mal: Ich bin völlig neutral bei diesem Thema und jedes Kind ist anders, jedes Kind lebt in individuellen Umständen. Daher sind die Empfehlungen, die nun folgen, natürlich auch nur grobe – aber meiner Meinung nach auf viele Situationen anwendbare – Richtlinien.

Kinder mit ADHS sollten zusätzlich zu anderen Therapien auch Medikamente bekommen, wenn

  • durch die bisherigen Maßnahmen nach einigen Monaten keine befriedigende Besserung erkennbar ist
  • deutliche Beeinträchtigungen bei Leistungen (Schule, Alltag) oder im psychosozialen Bereich zu erkennen sind und dadurch
  • Leidensdruck bei den Kindern aber auch ihrem Umfeld entsteht
  • Gefahr für die weitere Entwicklung des Kindes besteht
  • es zu krisenhaften Zuspitzungen kommt.[1]

Aber Anna, du hast doch im letzten Blog geschrieben, dass die S3-Leitlinie bei schwerer ADHS auf alle Fälle Medikamente empfiehlt! Warum kann das nicht meine Richtschnur sein? Warum soll ich mir jetzt plötzlich überlegen, ob mein Kind leistungsmäßig oder im sozialen Bereich Probleme hat oder ob Gefahr für seine Entwicklung besteht?

Nun, erstens werden in der S3-Leitlinie ja auch „nur“ allgemeine Empfehlungen abgegeben. Wohlgemerkt: Das sind Empfehlungen, über die eine Heerschar von Wissenschaftlern und Experten gemeinschaftlich abgestimmt hat, also könnt ihr davon ausgehen, dass sie eine wirklich gute Richtschnur für Eltern von Kindern mit ADHS sind. Aber vielleicht habt ihr einen Grund, trotzdem noch unentschlossen zu sein: Vielleicht habt ihr zwei Kinder mit ADHS und habt – warum auch immer – beim ersten schlechte Erfahrungen mit Medikamenten gemacht. Oder ihr habt zu große Angst vor den möglichen Nebenwirkungen. Oder ihr seid aus einem anderen Grund unentschlossen und überlegt, wie lange ihr warten sollt.

Und zweitens: Ihr sollt euch nicht nur auf Empfehlungen von außen verlassen. Die Aussagen eures Arztes, die Leitlinie, alles, was ich hier schreibe, sind mögliche und in vielen Fällen gut passende Wege. Aber die Experten für eure Kinder, für eure ganz persönliche Situation als Familie seid IHR!

Daher bitte ich euch: Ja, denkt nach darüber, ob euer Kind Leistungsschwierigkeiten oder soziale Probleme hat. Beobachtet euer Kind sorgfältig, ob es in seiner Entwicklung gefährdet sein könnte. Schaut euer Kind genau an: Ist es unglücklich? Hat es sich z. B. über die Monate oder Jahre von einem fröhlichen Kleinkind zu einem unglücklichen Schulkind entwickelt? Hat es Freunde? Und am allerwichtigsten: Wie ist die Beziehung zwischen euch und eurem Kind? Ist sie trotz aller Belastungen stabil und liebevoll? Oder habt ihr das Gefühl, euer Kind entgleitet euch emotional immer mehr?

All das und vieles andere sind Fragen, die nur ihr beantworten könnt. Die Empfehlungen aus der Fachwelt bieten einen Rahmen, der euch Orientierung geben soll. Der Rest muss von euch kommen.

Ja, ja, ich höre sie schon wieder, die Unkenrufe: Na bitte, jetzt sagt sie ja doch, dass all die Empfehlungen aus der Wissenschaft nix wert sind und die Eltern das entscheiden sollen. Nein, ganz und gar nicht. Wie gesagt: Die Experten geben aus jahrelanger Erfahrung gut erprobte Wege vor, aber sie können nicht die Verantwortung für euer Kind übernehmen, denn die tragt nun mal ihr - und nur ihr. Und deshalb seid ihr aufgefordert, euch zu informieren, zu beobachten, an euch und der Familiendynamik zu arbeiten und euch der Verantwortung für euer Kind zu stellen.

Ja, ich weiß, das ist alles nicht leicht. Aber ich denke, wenn ihr einen leichten Weg gehen wolltet, hättet ihr schon längst zu lesen aufgehört oder wärt gar nicht auf meiner Seite gelandet 😉.

Gut, dann lasst mich in dieser Schiene gleich weitermachen und euch folgendes mitgeben: WARTET AUF GAR KEINEN FALL ZU LANGE mit Medikamenten, nur weil ihr Angst habt, hier eine falsche Entscheidung zu treffen. Keine Medikamente zu geben könnte ja auch die falsche Entscheidung sein! Denn:

Die Folgen einer unbehandelten ADHS können wirklich schlimm sein

Erstens können sich sogenannte Sekundärsymptome entwickeln, über die ich an anderer Stelle  ausführlicher berichten werde, aber kurz gesagt sind das Dinge wie ein niedriger Selbstwert, ein gestörtes Sozialverhalten (dass man mit anderen nicht gut zurechtkommt), oppositionelles Verhalten (Trotz, sich komplett jeglichen Regeln widersetzen), Lern- und Leistungsstörungen sowie eine auffallend niedrige Frustrationstoleranz.

Und zweitens kann das Folgen fürs ganze Leben haben. Hier mal ein kleiner Auszug aus der Literatur, was unbehandelten Betroffenen alles blühen kann:

  • 32% - 40% verlassen vorzeitig die Schule.
  • 50% - 70% haben wenige oder keine Freunde
  • 70% - 80% üben keinen begabungsentsprechenden Beruf aus.
  • 40% - 50% führen vermehrt asoziale Handlungen aus oder konsumieren illegale Drogen.
  • 40% der Jugendlichen haben Frühschwangerschaften.
  • 16% haben sexuell übertragbare Krankheiten.
  • 20% - 30% der Erwachsenen sind häufiger depressiv.
  • 18% - 25% haben Persönlichkeitsstörungen.
  • Viele übertreten häufiger Geschwindigkeitsbegrenzungen, haben mehr Autounfälle und erleiden tagtäglich Hunderte von kleinen Missgeschicken.[2]

Außerdem kommt es im Vergleich zur „Normbevölkerung“ zu mehr Klassenwiederholungen und häufigerem Schulausschluss. Im Erwachsenenalter

  • sind diese Kinder dann oft als ungelernte Arbeiter tätig,
  • wechseln öfter den Arbeitsplatz,
  • haben einen deutlich niedrigeren Lebensstandard,
  • beginnen früher mit sexuellen Aktivitäten,
  • und wechseln häufiger die Partner.[3]

Ganz schlimm sind auch die Zahlen zum drastisch erhöhten Konsum von Alkohol und Drogen im Vergleich zu Nicht-Betroffenen,[4] denn die werden oft zur Linderung der Traurigkeit und der Aggressionen benutzt, die entstehen, weil die Betroffenen immer wieder im Leben versagen oder abgelehnt werden.[5]

Gut, wenn das alles so ist, warum soll ich dann überhaupt noch drüber nachdenken, ob ich meinem Kind Tabletten geben soll oder nicht? Das heißt:

Was spricht dann überhaupt gegen Medikamente bei Kindern mit ADHS?

Außer einigen Nebenwirkungen, die bei wenigen Kindern doch leider recht massiv sein können, nicht wirklich viel.
Aber:

  • (1) Eltern sollte unbedingt klar sein, dass Medikamente allein keine Therapieform darstellen. Immer wieder lerne ich Eltern (persönlich oder auf sozialen Plattformen) kennen, die all ihre Hoffnungen auf die „Wunderwirkung“ von Medikamenten setzen. Medikamente bringen Kindern aber kein sozial angepasstes Verhalten bei, transportieren nicht wie von Zauberhand den Lernstoff in ihre Köpfe und lassen sie nicht plötzlich stundenlang ruhig bei Tisch sitzen, ohne zu zappeln. All das und vieles mehr sind Dinge, die sie trotz Medikamenten lernen müssen.
    Gerade wenn es um schulische Probleme geht, wird in der Literatur immer wieder betont, dass Tabletten allein keine Lösung sind. Sogar eine Autorin, die sich schon im Vorwort kritisch gegenüber Ärzten und Therapeuten äußert, die die Verschreibung von Medikamenten „leider noch immer zu lange hinauszögern“[6] – eine Autorin also, die Medikamenten gegenüber sehr offen ist – warnt davor, dass eine Arznei „kein Zaubermittel“[7]  ist: „Wer glaubt, es gäbe Tabletten gegen Rechen- und Rechtschreibschwäche, der irrt gewaltig. Die Tabletten ermöglichen es den [ADHS]-Kindern nur, erfolgreicher zu lernen – vorausgesetzt, sie üben regelmäßig und sorgfältig.“[8] Diese Aussage könnte stellvertretend für viele Lebensbereiche stehen. Denn Medikamente können als Krücke betrachtet werden, gehen lernen müssen die Kinder selbst.
  • (2) Außerdem haben wir ja schon besprochen, dass es unterschiedliche Ausprägungsgrade der ADHS gibt. Gerade wenn ein Kind eine leichte ADHS hat und viele der bisher erwähnten Begleitumstände passen, braucht es möglicherweise gar keine medikamentöse Unterstützung.
    Und wenn die Symptome dann doch mal ein Ausmaß erreichen, das sowohl für das Kind als auch sein Umfeld anstrengend wird, kann und sollte vor der Medikamentengabe auch noch bedacht werden:
  • Hat mein Kind vielleicht gerade zu viel Druck?
  • Fehlt ihm in bestimmten Bereichen Struktur? (im Alltag, im schulischen Bereich?)
  • Sind wir Eltern gerade beruflich oder privat sehr belastet und spiegelt uns unser Kind diesen Druck durch sein Verhalten?
  • Hat es gerade etwas Einschneidendes in unserem Leben gegeben (Tod eines nahestehenden Menschen, ein Umzug, eine Scheidung, die Ankunft eines neuen Geschwisterchens, …), das unser Kind überfordert – was sich durchaus in abweichendem Verhalten widerspiegeln kann?

Es kann viele Vorkommnisse im Leben eines Kindes geben, die sein Verhalten nachteilig beeinflussen. Und wenn das Dinge sind, die sich ändern lassen oder bald vorübergehen, dann geht es womöglich auch ohne Medikamente. Dass das von Fall zu Fall unterschiedlich ist, ist für euch in der Zwischenzeit bestimmt schon gut nachvollziehbar geworden.

Bevor ich nun zu meinem Fazit komme, noch ein Wort zu dem ewigen Hickhack in den sozialen Medien.

Medikamente für mein Kind mit ADHS? – Endlose Diskussionen auf Facebook & Co.

Nachdem ich vor vier Jahren eine Facebook-Gruppe mit Schwerpunkt ADHS gegründet habe, begleiten mich die Grabenkämpfe um die Frage „Medikamente für mein Kind mit ADHS“ nun schon relativ lange. Das heißt, ich beobachte seit Jahren, wie viel Kraft und Energie in diese Diskussionen fließen. Kraft und Energie, die wir eigentlich in unsere Kinder investieren sollten: für den Beziehungsaufbau, um Qualitätszeit mit ihnen zu verbringen, um uns zu ihrem Wohl mit seriösen Informationen zu versorgen etc.

Ja, natürlich brauchen Eltern den Austausch mit Gleichgesinnten. Genau deshalb gibt es ja virtuelle und auch reale Selbsthilfegruppen. Aber wenn der Ton – vor allem auf Plattformen im Internet – so schroff wird, dass Eltern die Gruppen wieder verlassen, ist das unendlich traurig. Denn sie hätten dort vielleicht noch wichtige Hilfe erhalten, die ihnen nun verwehrt bleibt. Und noch schlimmer: Sie werden durch die Anfeindungen verletzt, zweifeln einmal mehr an sich und werden nur noch weiter in die Aussichtslosigkeit gestoßen.

Eltern bemühen sich redlich um ihre Kinder, viele von ihnen haben oft schon gar keine Energie mehr, weil ihr „spezieller“ Nachwuchs so fordernd ist. Trotzdem nehmen sie sich die Zeit, sich mit anderen auszutauschen, um den einen oder anderen guten Tipp für ihr Kind zu bekommen. Mich schmerzt es einfach sehr, wenn betroffene Eltern dann noch Kraft in die Verteidigung ihrer Herangehensweise an die ADHS ihres Kindes investieren müssen.
Eltern sollten sich gegenseitig bereichern, einander ein wenig auffangen, Mut machen, ihre Geschichten erzählen dürfen und das Gefühl bekommen, dass sie mit ihren Problemen nicht allein sind. Bedenkt das bitte, wenn ihr euch in diesen Gruppen austauscht und versucht diesen Spirit auch an andere weiterzugeben.

Mein Fazit: Was ich euch mitgeben möchte

Ja, ich weiß, das sind ganz schön viele Informationen, die ihr jetzt zu verdauen habt. Aber wenn man sein Kind unterstützen will, muss man sich durch den Dschungel der fachlichen Aussagen und vor allem durch das Für und Wider verschiedener Ansichten kämpfen. Als Mutter oder Vater ist man nun mal Teil dieses Prozesses und sollte sich eine Meinung zu allem bilden können, was vorgeschlagen wird.

Nur so kann man auch hinter der jeweils gewählten Behandlung stehen und sie mit Überzeugung begleiten. Lasst euch also weder von der wohlmeinenden Schwiegermutter, der genervten Nachbarin oder der überforderten Lehrkraft zu Medikamenten für euer Kind drängen. Lasst sie euch aber genauso wenig von schlecht informierten Menschen ausreden – oder von solchen, die euch etwas anderes verkaufen wollen.

Für alle, die immer noch nicht wissen, was sie nun tun sollen, vor allem auch für jene, die spüren, ihr Kind mit ADHS würde Medikamente brauchen, die sich aber nicht trauen: Versucht es doch wenigstens. Schon nach kurzer Zeit merkt man, ob und wie die Medikamente wirken. Wenn etwas nicht passt, werft die Flinte nicht gleich ins Korn, sondern sprecht mit eurem Arzt. Vielleicht bringt ja die Veränderung der Dosis den gewünschten Erfolg oder reduziert Nebenwirkungen, die aufgetreten sein könnten. Oder ihr müsst das Medikament wechseln. Gebt nicht gleich auf, sondern gewährt eurem Kind diese Chance.

Zusammenfassend: Medikamente können notwendig sein, müssen aber nicht. Wenn sie jedoch in den Behandlungsmix aufgenommen werden, sind sie nicht die einzig wirksamen Problemlöser, sondern lassen sich mit der Hilfe vergleichen, die der Motor eines E-Bikes bringt: Treten muss man selbst, aber der Motor unterstützt Kraft und Ausdauer.

Man kann die Unterstützung durch Medikamente auch, wie oben schon angesprochen, mit einer Krücke vergleichen. Jemand mit einer Beinverletzung braucht möglicherweise eine Gehhilfe, um wieder laufen zu lernen. Aber es kommt eben auf die Schwere der Verletzung an und auf die Betreuung durch kundige Menschen, ob und wie lange die Krücke benötigt wird. Wenn alles passt, die Betreuung gut ist und viel trainiert wird, kann man die Krücke irgendwann weglassen. Vielleicht wird man kein Spitzensportler mehr oder hinkt eventuell sogar sein Leben lang ein wenig, aber besser das, als dauerhaft nahezu bewegungsunfähig zu sein und zu anderen „Krücken“ wie Alkohol oder Drogen greifen zu müssen.

Das heißt, wie bei einem verletzten Bein auch, das ohne Gehhilfe im Laufe der Zeit zu massiven Problemen für den gesamten Bewegungsapparat führen kann, kann ein Vorenthalten von Medikamenten um jeden Preis verheerende Auswirkungen auf das spätere Leben dieser jungen Menschen haben. Allerdings: Dort eine Krücke zu verordnen, wo sie nicht nötig ist, kann ebenfalls zu Haltungsschäden und letztendlich zu Beeinträchtigungen führen.

Wie überall im Leben muss man also auch hier alle Gegebenheiten abwägen.

Ich wünsche euch jedenfalls viel Kraft und vor allem ein offenes Herz dafür! Eure Anna

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  • Hallo Anna. Erstmal vielen Dank für deinen Artikel. Ich finde ihn sehr hilfreich auch wenn mein Sohn schon Medikamente nimmt. Wir haben mit 5,5 Jahren die erste Diagnose bekommen und dann eben noch eine mit 6,5 Jahren also ganz knapp vor Einschulung. Damals war er schon in Ergotherapie und sprachtherapie und uns wurde zusätzlich eine Verhaltenstherapie verordnet. Von Medikamenten war erstmal nicht die Rede. Was ich gut fand da ich erstmals dagegen war. (nicht komplett aber man hört viel schlechtes und hat Angst.)
    Dann wurde er eingeschult und veränderte sich von Tag zu Tag mehr. Er kam fast täglich in Konflikte und er litt sehr. Im Unterricht kam er auch nicht gut mit. Obwohl ich das Gefühl hatte das es nicht am können lag. Täglich bekamen wir Streitereien obwohl er vorher extrem lieb war. Ich sprach aber mit mir nicht offen und von den Konflikten erfuhr ich oft von anderen.
    Also setzte ich dem Ergotherapeuten darauf an.
    Er bestätigte er hat viel Stress in der Schule wird teilweise geschlagen und vor allem gemobbt und lässt es dann zu Hause raus.
    Das alles erzählte ich dem Arzt und dann klärte er mich auf was für Möglichkeiten es gäbe medikamentös…
    Ich war nun offen da auch die Aufklärung sehr gut war. Wir versuchten es. Dann folgte die Odyssee.. Viele verschiedene Präparate in unterschiedlichen Stärken.
    Irgendwann habe ich gesagt bis hierhin und nicht weiter und nun ohne Medikamente entglitt er mir komplett. Nach nur 6 Monaten flehte ich es erneut zu versuchen und mit dem dann verschriebenen Medikament sind wir auf einem guten Weg…
    Er macht zusätzlich Verhaltenstherapie nun im dritten Jahr und seit 3 Monaten reittherapie.
    Ich schreibe es absichtlich so ausführlich weil ich allen Mamas Mut machen möchte die unsicher sind oder auch diese Veränderung beim Kind sehen.
    Seit offen, es ist einen Versuch wert. Und wie oben schon erwähnt Medikamente alleine bringen nichts und es würde eher dafür sorgen das das Kind nicht aufs Leben vorbereitet wird. Oder ein Leben lang Tabletten nehmen müsste um den Stand zu halten aber eigentlich sind Tabletten nur eine Hilfe damit es einfacher ist und die Therapie ist das wodurch die Kinder an sich arbeiten…
    Verzweifelt nicht es geht wieder bergauf. Und: ihr seid nicht alleine damit.
    LG steffi

    • Liebe Steffi, vielen Dank, dass due eure Geschichte mit uns so bereitwillig geteilt hast. Genau so wie du es sagst und beschreibst, ist es auch: Viel Leid, beginnend meist in der Schule (wobei das Leiden relativ unbemerkt auch schon vorher bei den Sozialkontakten und im Alltag beginnt), dann irgendwann die Entscheidung für Medikation. Und da gibt es dann viele Möglichkeiten: sofortige Erleichterung, oder ein wenig rumprobieren und dann klappt es, oder langes Rumprobieren und irgendwann findet man das richtige Mittel oder die richtige Dosis. Oder: Das Kind verträgt nichts oder es wirkt nicht … aber wenigstens versucht hat man es!
      Alles Liebe für dich und dein Kind. Es ist so schön zu sehen, dass es Eltern gibt, die sich gut informieren, ihr Kind genau beobachten, hinspüren und auch immer wieder mal bereit sind, die Komfortzone zu verlassen ♥

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