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10. Juli 2020

Medikamente für Kinder mit ADHS – Fakten aus Wissenschaft und Forschung

Wie alle Arzneimittel haben auch Medikamente für Kinder mit ADHS Wirkungen und Nebenwirkungen. Vor allem die Nebenwirkungen sind es, die viele Eltern davon abhalten, den Griff zu Medikamenten zu wagen. Denn es geht hier, wie im ersten Teil dieser vierteiligen Reihe schon festgestellt, um das Allerwichtigste in unserem Leben: um unsere Kinder. Da wollen wir auf gar keinen Fall Fehler machen.

Um hier also mit ein paar Mythen und Unklarheiten aufzuräumen, wollen wir uns heute einigen Fakten widmen. Konkret sehen wir uns an:

  • welche Verbesserungen Medikamente bringen können,
  •  welche Nebenwirkungen auftreten können,
  • dass nicht alle Kinder auf die Medikamente ansprechen,
  • was an der Behauptung dran ist, Ritalin & Co. würden süchtig machen und
  • welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, wenn ein Kind mit ADHS mit Medikamenten unterstützt werden soll.

Wie schon im letzten Beitrag möchte ich betonen, dass ich dem Thema „Medikamente für mein Kind mit ADHS“ gegenüber völlig neutral eingestellt bin. Was ich möchte, ist euch eine Entscheidungsgrundlage für eure spezifische Situation zu geben. Das vorausgeschickt, widmen wir uns erst mal der Frage …

… inwiefern Medikamente erwiesenermaßen Besserung bringen  

Nun, da gibt es eine ganze Reihe von Bereichen, in denen Kinder mit ADHS durch Medikamente unterstützt werden können:

  • Verbesserung der Daueraufmerksamkeit
  • Verbesserung der Konzentrationsleistung (z. B. Verminderung von Flüchtigkeitsfehlern)
  • Verminderung der Ablenkbarkeit
  • Reduzierung der motorischen Unruhe
  • Verbesserung der Koordinationsfähigkeit
  • Verbesserung komplexer motorischer Leistungen
  • Verminderung impulsiver Verhaltensweisen
  • Verbesserung der Selbstkontrolle
  • Reduktion von unangemessenem Verhalten während der Bearbeitung einer Aufgabe
  • Minimierung von lautem Störverhalten[1]

Auch das Filtern von Reizen kann durch Medikamente erleichtert werden. Das ist deshalb wichtig, weil es Kinder mit ADHS kaum schaffen, wesentliche Reize von unwesentlichen zu trennen. Statt nur die wichtigsten Reize „reinzulassen“, prasseln nämlich auf die Gehirne von Kindern mit ADHS sämtliche optischen und akustischen Signale ungefiltert ein. Mit diesem Handicap konzentriert zu arbeiten, ist nahezu unmöglich.

Um dieses Problem zu verdeutlichen, stellt euch mal Folgendes vor: Ihr steht im Mittelpunkt eines Kreises, dessen Rand von Menschen gebildet wird. Die bewerfen euch alle mit Bällen. Es gibt unwichtige weiße Bälle, wichtige grüne und sehr wichtige rote. Die Aufgabe, die ihr nun habt, ist, die weißen Bälle zu ignorieren, alle roten zu fangen, die grünen zu zählen, euch nicht treffen zu lassen und dabei einer Geschichte zuzuhören. Genau so empfinden Menschen mit ADHS die Reize, die in bestimmten Situationen auf sie einströmen. Medikamente helfen dabei, die weißen Bälle unsichtbar zu machen und die grünen und roten Bälle einzeln statt gleichzeitig vorbeizuschicken.[2]  

Gut, das wäre einmal das Wesentlichste zu den erwünschten Wirkungen. Allerdings gibt es natürlich auch einige „Pferdefüße“. Der erste davon:

Manche Kinder mit ADHS sprechen nicht auf die Medikamente an

Methylphenidat (MPH), die am häufigsten eingesetzte Substanz, wirkt nicht bei allen Betroffenen, sondern „nur“ bei rund 70%.[3] Der zweite Wirkstoff, der seit 2005 für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen zugelassen ist, ist Atomoxetin.[4] Dessen Effekte sind etwas geringer und führen nur bei circa 60 % der Kinder zu deutlichen Verbesserungen der Symptome.[5] Seit einiger Zeit wird auch das Medikament Elvanse bei Kindern eingesetzt, dessen Wirkstoff Lisdexamfetamindimesilat ist.

Insgesamt ist die Wirkung der Medikamentet sehr individuell, vor allem, was die Dosis anbelangt. Manche Kinder berichten von deutlichen Verbesserungen bei geringen Dosen, andere wiederum erst bei hohen.[7] Das heißt, es kann dauern, bis man die ideale Dosierung gefunden hat. Viele beginnen mit niedrigen Dosierungen und steigern das Medikament dann langsam bis zur passenden Dosis, die auf diese Art schrittweise ermittelt wird[8]  – alles natürlich in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.

Auch sprechen nicht alle Kinder auf die verschiedenen Wirkstoffe gleich an. Das heißt, manche Familien müssen verschiedene Medikamente durchprobieren, bis sie das passende für ihr Kind gefunden haben. Und manche finden nie das richtige – auch das kann leider vorkommen.

Die viel gefürchteten Nebenwirkungen

Die zweite große Sorge vieler Eltern sind die zahlreichen Nebenwirkungen, die ADHS-Medikamente haben können. Wenn man die Beipackzettel sämtlicher Tabletten liest, kann man als Mama oder Papa schon Muffensausen kriegen. Oder besser gesagt: Panik.

Aber: Wie bei jedem anderen Medikament auch, können diese Nebenwirkungen auftreten, müssen aber nicht. Oft kommt es zur einen oder anderen Nebenwirkung auch nur dann, wenn die Dosis oder der Wirkstoff nicht passen (z. B. könnte dann aber statt Methylphenidat, also dem Wirkstoff in Ritalin, Atomoxetin, der Wirkstoff in Strattera passen[9]).

Die häufigsten möglichen Nebenwirkungen sind jedenfalls folgende:

  • Appetitminderung oder -verlust
  • Wachstumsstörungen
  • Schlafstörungen
  • Puls- und Blutdrucksteigerung
  • Kopfschmerzen
  • Magenschmerzen
  • Gereiztheit
  • Stimmungsschwankungen
  • Tics
  • Gewichtsverlust
  • Hautausschlag
  • Haarausfall
  • Ängstlichkeit
  • Müdigkeit[10]

Gerade der Punkt mit den Wachstumsstörungen bereitet vielen Eltern Sorgen, denn nicht selten sind Kinder mit ADHS sowieso recht klein und dünn und gerade im ersten Jahr der Einnahme geht das Körperwachstum oft zurück.[11] Außerdem leiden sie parallel dazu ebenfalls zu Beginn der Behandlung immer wieder an Appetitmangel und damit verbundener Gewichtsabnahme.[12]

Hier kommt allerdings das nächste „Aber“: Wenn nämlich regelmäßige Einnahmepausen gemacht werden, holt der Körper diesen Rückstand in der Regel auf.[13] 

Insgesamt stuft die Mehrheit der Autoren die Nebenwirkungen von Methylphenidat als eher gering und reversibel[14] und eine medikamentöse Behandlung als empirisch sehr gut bewährt ein,[15] denn die Wirksamkeit bzw. Verträglichkeit von MPH – das am häufigsten eingesetzte Mittel – ist bereits in über 150 Studien im Kindes- und Jugendalter belegt worden.[16]

Aber machen Medikamente für Kinder mit ADHS nicht süchtig?

Leider ist eine oft gehörte Meldung in den Medien und auch eine Aussage, die in diversen Foren immer wieder besorgten Eltern Angst macht, die Behauptung, dass die medikamentöse Behandlung von Kindern mit ADHS zur Abhängigkeit von den verabreichten Medikamenten führen kann.
Oft fällt in diesem Zusammenhang auch das Wort „Kinderkoks“, vor allem beim Vergleich der Wirkung von Methylphenidat und der von Kokain, weil beide Substanzen auf das Dopaminsystem wirken.[17]

Allerdings muss hier sehr wohl unterschieden werden zwischen einem Medikament, das unter ärztlicher Aufsicht in entsprechender Dosierung verabreicht wird, um „Normalität“ im Gehirn herzustellen und einer Droge, die mit einem einmaligen, schnellen Kick einen Rauschzustand herbeiführt. Außerdem gibt es in der Zwischenzeit eine Reihe von Untersuchungen, die belegen, dass oral verabreichtes Methylphenidat ein sehr geringes Suchtpotenzial hat.[18]

Wie Studien zeigen, greifen auch eher jene Jugendliche später zu Drogen, denen eine Behandlung verwehrt wurde, als jene, die ADHS-Medikamente unter kontrollierten Bedingungen erhalten haben. Dazu ist auf der Seite von ADHS-Deutschland zu lesen, dass Menschen mit ADHS zwar grundsätzlich anfälliger für Suchtverhalten als gesunde Menschen sind, „dieses Risiko wird aber durch die Störung selbst verursacht und nicht durch die Therapie. Wissenschaftliche Studien haben sogar gezeigt, dass das Suchtrisiko bei medikamentös behandelten ADHS-Patienten geringer ist als bei Nichtbehandelten.“[19]

Und auch in einem Buch, in dem das Thema Medikamente eher vorsichtig behandelt wird, berichten die Autoren, dass Kinder, die medikamentös behandelt werden, im Erwachsenenalter ein geringeres Sucht-Risiko im Vergleich zu unbehandelten Kindern mit ADHS haben.[20]

Das heißt, ein Jugendlicher mit ADHS, der es irgendwie schafft, heimlich seine Medikamentendosis zu steigern – was bei einem verschreibungspflichtigen Medikament gar nicht so einfach ist – hätte ohne die benötigte Behandlung höchstwahrscheinlich sowieso zu Cannabis, Kokain oder Ähnlichem gegriffen. Das klingt hart, aber die Studien zeigen es deutlich: Enthält man seinem Kind die notwendige Behandlung vor, ist das Suchtrisiko später sehr viel höher.

Denn Heranwachsende werden eher von Substanzen abhängig, wenn sie todunglücklich sind – und das sind sie in der Regel, wenn ihnen nicht geholfen wird. Dazu schreibt auch Ursula Häberli-Nef, eine Heilpädagogin, die in erster Linie auf pädagogische Strategien und die wertschätzende Begleitung bei ADHS setzt, aber trotzdem für Medikamente offen ist, falls sie nötig sind: „Was macht süchtig? Die [ADHS]-Thematik wird immer wieder mit Suchtverhalten über die Wirkung von Medikamenten in Zusammenhang gebracht. Nach meinen Beobachtungen sind alle Kinder suchtgefährdet, welche ein schlechtes Selbstwertgefühl haben […].“[21]

Das heißt, nicht die Medikamente treiben in die Sucht, sondern die Probleme, mit denen Heranwachsende zu kämpfen haben, wenn sie nicht unterstützend und liebevoll sowie ihren speziellen Bedürfnissen entsprechend begleitet werden. Und zu einer solchen Begleitung können eben auch Medikamente gehören, um mit sich selbst und der Welt da draußen wieder klarzukommen.

Damit aber im Hinblick auf Medikamente alles reibungslos ablaufen und die positiven Effekte von ADHS-Medikamenten zur Geltung kommen können, gleichzeitig aber die Nebenwirkungen so gering wie möglich gehalten werden, muss man auf einige Dinge achten – und darauf werfen wir jetzt mal einen Blick.

Voraussetzungen für den Erfolg einer medikamentösen Behandlung von Kindern mit ADHS

Eine der wesentlichen Voraussetzungen für eine Medikamentengabe ist laut S3-Leitlinie 2018[22], dass sie nur von einem entsprechend qualifizierten Facharzt oder ärztlichen Psychotherapeuten durchgeführt werden soll. „Dieser soll über Kenntnisse im Bereich ADHS und dem Monitoring pharmakotherapeutischer Behandlung verfügen.“[23] Das heißt, „nur“ der Beruf des Psychiaters, Kinderarztes oder Psychotherapeuten reicht noch nicht. Die Fachleute müssen auch auf ADHS spezialisiert sein!

Denn nur wenn die medikamentöse Behandlung von jemandem begleitet wird, der wirklich Ahnung von der Vielschichtigkeit von ADHS hat, ist die Chance auf Erfolg gegeben.

Sobald die Entscheidung für die Gabe von Medikamenten getroffen ist, müssen aber noch weitere Voraussetzungen erfüllt werden. Erstens muss nach einer Reihe von Untersuchungen das individuell passende Medikament für jedes Kind gefunden werden. Denn nur weil MPH beim einen Kind hilft, muss das – wie oben schon angesprochen – noch lange nicht beim nächsten der Fall sein.

Wichtig ist neben dem passenden Medikament auch, dass ab dem Beginn einer medikamentösen Behandlung bzw. bei jeder Veränderung der Dosierung sowohl Wirkungen als auch Nebenwirkungen notiert werden sollte,[24] damit die Eltern dem behandelnden Arzt davon berichten können und auch selbst einen Überblick über die Reaktionen des Kindes auf das Medikament behalten.

Mit regelmäßigen Verlaufskontrollen, die mindestens alle sechs Monate stattfinden sollten, sollte dann während der weiteren Behandlung überprüft werden, ob sowohl Medikament als auch Dosis immer noch passen, nach wie vor keine Nebenwirkungen aufgetreten sind bzw. ob denn überhaupt noch ein Medikament nötig ist.[25]

Darüber hinaus sollten alle paar Monate Körpergröße und Gewicht sowie Puls und Blutdruck des Kindes bzw. des Jugendlichen kontrolliert werden.[26]

Und schließlich soll es laut Aussage des Gemeinsamen Bundesausschusses bei einer Dauertherapie von mehr als zwölf Monaten mindestens einmal im Jahr auch behandlungsfreie Zeiträume geben.[27] Sowohl der Behandlungszeitraum als auch die „Auslassversuche“ sollten dokumentiert werden.[28] Das ist nicht nur wichtig, um zu entscheiden, ob Dosis bzw. Medikament passen, sondern es hat auch folgenden Vorteil: Wenn man sich notiert, wie es läuft, kann man Veränderungen leichter feststellen, als wenn man versucht, sich zu erinnern, wie es denn damals vor einem Jahr eigentlich war.

Die Auslassversuche werden – ebenfalls nachvollziehbar – für die Wochenenden bzw. Ferienzeiten empfohlen.[29] Denn wenn es dann mit der Konzentration wieder hapert oder es vermehrt zu Hyperaktivität oder Ausrastern kommt, ist das natürlich besser verkraftbar als in der Schule beziehungsweise während der Schulzeit mit Hausaufgaben, Lernen für Klassenarbeiten etc.

Heute ist es ganz schön wissenschaftlich zugegangen, ich weiß. Aber das ist nun mal nötig, wenn man ein so wichtiges Thema wie das der Medikamentengabe beleuchtet. Nächste Woche wird es dann weniger medizinisch. Denn während wir uns heute damit befasst haben, was medikamentenseitig bei der pharmakologischen Behandlung von Kindern mit ADHS zu beachten ist, werfen wir nächste Woche einen Blick drauf, was auf der Seite des Kindes mit ADHS und dessen Familie, also patientenseitig alles eine Rolle spielt.

Erst dann können wir im letzten Blogpost zu diesem Thema über das Für und Wider in Bezug auf Medikamente bei ADHS nachdenken.

Bis dahin freue ich mich über eure Kommentare!

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