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9. Juni 2020

Was Eltern beim Thema „Medikamente für mein Kind mit ADHS“ verunsichert

Tabletten für Zappelphilipp und Träumeliese: Das Thema, das Eltern am meisten Angst macht 

Kein Thema ist in der ADHS-Szene so umstritten wie Medikamente. Selbst wenn es um erwachsene Betroffene geht, kochen die Emotionen hoch – und bei der Verabreichung von Medikamenten an Kinder mit ADHS wird es dann so richtig emotional.

Es existieren zu viele gegensätzliche Meinungen und zu viele Medienberichte mahnen mit erhobenem Zeigefinger zur Vorsicht. So verstellen dann Ängste den Blick auf die Tatsachen und rauben Eltern das Vertrauen in ihre eigene Entscheidungskraft. Was, wenn wir einen wirklich schlimmen Fehler begehen? Hier geht es immerhin um die Gesundheit und die Zukunft unseres Kindes!

Nach dem Schock der Diagnose brauchen Eltern deshalb gerade bei diesem Thema Entscheidungshilfen. Und einige davon möchte ich versuchen, euch in diesem Beitrag an die Hand zu geben.

Wobei in „diesem“ Beitrag nicht ganz richtig ist. Denn das Thema „Medikamente bei Kindern mit ADHS“ ist so umfassend, dass ich all die Informationen und Überlegungen, die ich an euch weitergeben möchte, aufteilen musste. Entsprechend wird uns das Thema nun einige Wochen lang begleiten. Teil II folgt am 10.7.2020, die anderen beiden Teile an den darauffolgenden Freitagen).

Heute sehen wir uns an, warum so viele Eltern beim Thema „Medikamente für mein Kind mit ADHS“ verunsichert sind.

Bevor wir aber zur  Sache kommen, noch Folgendes: Ich selbst bin bei diesem Thema völlig neutral. Ich neige weder zu der einen noch der anderen Position. Und damit bin ich in guter Gesellschaft, denn sowohl in der klassischen sowie der aktuellen Literatur als auch in der S3-Richtlinie 2018 wird betont, dass die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse Unterstützung eine ganz individuelle ist.

Das vorausgeschickt, legen wir los!

Wie gerade erwähnt: Die meisten Eltern sind verunsichert. Aber warum? Dafür gibt es  eine ganze Reihe von Gründen:

Gründe für die Verunsicherung von Eltern im Hinblick auf Medikamente für ihr Kind

Wenn Eltern die Diagnose „ADHS“ für ihr Kind bekommen, ist der Schock meistens erstmal groß – auch wenn man es schon vermutet hat. Hier steht es nun Schwarz auf Weiß: Mein Kind hat ADHS! Angst und Verunsicherung machen sich breit …

  • Plötzlich erinnert man sich an all die Medienberichte, die man dazu gelesen oder gesehen hat: Wird da nicht immer vor der Chemiekeule gewarnt? Habe ich da nicht schon mal etwas von „Kinderkoks“ gehört, davon, dass Ritalin & Co. abhängig machen?
  • Auf YouTube habe ich vor Kurzem ein Video von einem jungen Mann mit tausenden Followern gesehen, der vor den Gefahren dieser Medikamente gewarnt hat. So falsch kann der doch nicht liegen, wenn ihm so viele Menschen folgen!
  • Außerdem: Da gibt es doch jetzt diese neue Methode, die alle Medikamente überflüssig macht. Die soll in kürzester Zeit Abhilfe schaffen!
  • Und dann war da auch noch der Vitaminkomplex, den die Mutter neben mir neulich in der Apotheke gekauft hat …
  • Ich sollte diese Diagnose vielleicht einfach ignorieren, denn wenn ich es mir recht überlege, will ich mein Kind nicht verändern. Es hat so viele wunderbare Eigenschaften, die es durch die Einnahme von Medikamenten vielleicht verliert. Soll sich doch das Schulsystem ändern oder die Gesellschaft – ich lasse mein Kind nicht verbiegen!

Alles schon mal gehört? Wenn ihr nicht ganz neu im Thema seid, seid ihr diesen oder ähnlichen Überlegungen bereits begegnet oder habt die eine oder andere vermutlich selbst schon mal gehabt.

Aber sehen wir uns diese Punkte doch mal genauer an. (Ich erinnere nochmal daran, dass ich dem Thema gegenüber völlig neutral bin!):

Was ist dran, an alldem?

Eure Angst und Verunsicherung sind legitim und völlig verständlich. Aber glaubt mir: Gut informierte Eltern (und ihr informiert euch ja offenbar, sonst würdet ihr das hier nicht gerade lesen) und Eltern, die an der Beziehung zu ihrem Kind arbeiten, haben ohnehin schon ganz viel gewonnen. Dazu aber mehr in zukünftigen Blogposts und Podcasts.

Gut, dann sehen wir uns mal die Medienberichte an … Aber da stelle ich euch gleich mal eine Frage: Warum kennen wir keine (oder nur sehr wenige) Berichte, die sich für Medikamente bei Kindern mit ADHS aussprechen? Warum wird immer nur dagegen gewettert?

Weil es nun mal viel publikumswirksamer ist, auf vermeintliche Gefahren hinzuweisen und den moralischen Zeigefinger zu heben, als die Botschaft zu vermitteln, dass Medikamente bei ADHS sehr wohl nötig sein können. Und nicht nur, dass man damit mehr Leser erreicht und mehr Zustimmung erntet, man begibt sich damit auch nicht auf dünnes Eis. Eis, das aufgebrachte Leserbriefe oder die Medienkonkurrenz mit der Präsentation „der neuesten Studie gegen Medikamente bei ADHS“ zum Schmelzen bringen könnten.

Auf YouTube, Facebook, Instagram und anderen Social-Media-Kanälen ist das nicht anders. Da geht es zwar nicht um Verkaufszahlen oder Einschaltquoten, aber dafür um Follower, um Positionierung, um das Gewinnen der Aufmerksamkeit anderer User. Und genau wie bei den Medien funktioniert das durch Polarisieren und Polemisieren, also durch das Beziehen einer sehr eindeutigen Stellung, die in dieselbe Richtung schreit, wie der Mainstream.

Gut, was ist dann aber falsch an neuen Methoden oder Produkten, die helfen sollen? Nun, „falsch“ muss daran gar nichts sein. Vielleicht handelt es sich bei der neuen Methode ja um so etwas wie Neurofeedback, das, als es bei ADHS anfänglich zum Einsatz kam, auch von Vielen vorerst mal „schief angesehen“ wurde. Als dann Studien und Erfahrungsberichte aber tatsächlich messbare Erfolge gezeigt haben, hat die Methode immer mehr Anerkennung gefunden. Und das ist auch gut so.

Das Problem ist nur, dass am laufenden Band neue Wundermethoden und -produkte aufkommen, über die von deren Vertretern und Vertreibern in den schillerndsten Farben berichtet und sogar Heilung versprochen wird. Gleichzeitig werden Medikamente verteufelt, um die Überlegenheit des eigenen Verfahrens oder des neuen Wunder-Vitaminkomplexes noch deutlicher hervorzuheben. Deshalb sollte man diese Dinge immer sehr, sehr vorsichtig betrachten. (Über alternative Maßnahmen wie Homöopathie, Nahrungsergänzungsmittel, Nahrungsumstellungen etc. wird bald ein eigener Beitrag erscheinen.)

Aber ich könnte all das doch wenigstens mal ausprobieren, oder? Und wenn davon nichts hilft, kann ich ja immer noch zu anerkannten Therapien für mein Kind mit ADHS greifen! Lest die Gründe, warum ich davor warne, in Teil 3.

Okay, bleibt noch die Einstellung „Ich mag mein Kind nicht verbiegen, soll sich doch das Umfeld ändern!“ Aber jetzt mal ehrlich: Wie soll das denn gelingen, ohne auf eine einsame Insel zu ziehen? Klar würden wir alle am liebsten unsere kleinen Jäger und Sammler, unsere Naturfreaks, Träumer, Poeten, Tierliebhaber und Kreativ-Bündel packen und irgendwohin ziehen. Irgendwohin, wo wir ihnen alles, was sie zum Leben brauchen, selbst beibringen können, sie keinen Druck haben, den ganzen Tag in der Natur herumziehen können und sich keine bösen Blicke und Worte für all das einfangen, was bei ihnen anders läuft als bei Gleichaltrigen.

Aber wir alle wissen, dass das nicht möglich ist. Und bis sich die Gesellschaft bzw. das Schulsystem geändert haben und ADHS als das anerkennen, was es ist, sind unsere Kinder selbst schon Großeltern. Obwohl ich persönlich befürchte, dass es sogar noch länger dauern könnte …

Wenn man wegen der Ursachen von ADHS schon ganz sicher sein könnte, wäre die Entscheidung für Medikamente doch einfacher, oder?

Einen der größten Verunsicherungsfaktoren von allen haben wir noch gar nicht besprochen. Und das ist die Frage, wodurch ADHS überhaupt verursacht wird. Denn wenn diese Frage durch die Wissenschaft bereits zweifelsfrei geklärt wäre, würde ein großer Diskussionspunkt wegfallen: Liegen das unmögliche Verhalten und die meist schlechten schulischen Leistungen dieser Kinder nicht doch an erziehungsfaulen Eltern, die einen zu hohen Medienkonsum erlauben?

Die schnelle Antwort schon mal vorab: ADHS wird durch das Fehlen einer liebevoll-konsequenten Begleitung (= Erziehung) und zu hohen Medienkonsum auf gar keinen Fall verursacht, die Symptome verstärken sich dadurch allerdings deutlich (was im Umkehrschluss nicht heißt, dass Kinder mit starken Symptomen nicht erzogen sind oder nur zocken!).

Zu den Ursachen von ADHS wird im Übrigen bald ein Beitrag folgen, zur Wichtigkeit der liebevollen, aber klaren Begleitung von Kindern mit ADHS, ebenfalls.

So weit, so gut. Jetzt kennen wir schon mal einige Gründe dafür, warum Eltern von Kindern mit ADHS beim Thema Medikamente so verunsichert sind. Verunsichernd sind aber nicht nur Fehl-Informationen, sondern auch das Fehlen von Informationen, von Fakten.

Als wir die Diagnose für unseren jüngeren Sohn bekamen, stellte sich uns die Frage nach Medikamenten natürlich genauso – und da gab es ganz vieles, das wir nicht wussten:

  • Was genau bewirken Ritalin und ähnliche Medikamente überhaupt?
  • Bekommen wir damit
  • ein angepasstes Kind, das sich stundenlang konzentrieren kann,
  • sich nicht ablenken lässt,
  • kaum mehr Fehler macht,
  • den Lernstoff in kürzester Zeit beherrscht,
  • sich emotional im Griff hat
  • und nachdenkt, bevor es handelt?
  • Oder tritt bei all den Symptomen nur ein klein wenig Besserung ein?
  • Wie lange halten diese Besserungen an?
  • Wenn sie nur für ein paar Stunden spürbar sind, wie kommt unser Sohn in der restlichen Zeit zurecht?
  • Und vor allem: Muss unser Sohn bis ans Ende seiner Tage Medikamente nehmen?

Erst wenn wir diese Fragen – die sich vermutlich fast alle Eltern stellen – genauer betrachtet haben, können wir den nächsten Schritt machen und überlegen, ob bzw. unter welchen Voraussetzungen Kinder mit ADHS Medikamente verabreicht bekommen sollen. 

All das sehen wir uns in Teil 2 an. In der Zwischenzeit würde ich mich über eure Kommentare freuen!

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